Die Schüler Christian (v.l.), Jona, Luise und Esther aus der Q2 des Rahdener Gymnasiums legten neben den Stolpersteinen von Martha, Rosa, Kurt und Walter Goldstein weiße Rosen nieder. Bürgermeister Bert Honsel (hinten 4.v.r.) und Amtsgerichts-Direktor Maximilian Schebitz (2.v.r.) sprachen die einführenden Worte.
Stolpersteine erinnern an Rahdener Familien
Mit dem Kunstprojekt »Stolpersteine« erinnerten viele Bürger*innen am 17. September 2018 an ehemalige jüdische Mitbürger, die durch die NS-Herrschaft gezwungen wurden, ihren Wohnort zu verlassen, und deren Schicksal meistens mit dem Tod endete. Auf Initiative des »Arbeitskreis jüdisches Leben in Rahden«, wurde in diesem Jahr an die Familien Goldstein und Vogel erinnert, die in der Langen Straße 18 (damals Rahden 99) und 22 (damals Kleinendorf 41) gelebt haben. Dafür reiste der Initiator dieses Kunstprojektes, Gunter Demnig, zum dritten Mal nach Rahden, um sieben Stolpersteine an den ehemaligen Wohnorten der beiden Familien zu verlegen.
Bürgermeister Bert Honsel betonte in seiner Ansprache ausdrücklich, dass die Geschichte der Rahdener*innen jüdischen Glaubens zur Ortsgeschichte Rahdens gehört. „Sie lebten wie alle anderen Rahdener auch. Sie gingen ihren Berufen nach, kümmerten sich um ihre Familien und engagierten sich im kulturellen und politischen Leben ihres Heimatorts.
Und sie sahen sich als Deutsche, als Deutsche jüdischen Glaubens oder mit jüdischen Wurzeln. Doch spätestens mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde den Juden in Deutschland verwehrt, Deutsche zu sein. Sie wurden drangsaliert und verfolgt, erschlagen, erschossen oder vergast. Und wenn sie ihr Leben retten konnten, dann verloren sie zumindest ihre Heimat“, gab der Bürgermeister einen Rückblick in die Geschichte.
Schüler der Q2 des Gymnasiums legten zu jedem Namen eine Rose nieder. „Der Weg in die Niederlande schien sicher zu sein. Wie wir aber aus den bekannten Tagebüchern der Anne Frank wissen, war dieser Weg ein trügerischer“, erinnerte Realschullehrer Stefan Rodenberg.
„Vergessen ist keine Heilung“, zeigte sich Pfarrer Udo Schulte betroffen über das unsagbare Unrecht, welches den jüdischen Bürger*innen im 2. Weltkrieg angetan wurde. „Menschen neigen dazu, Dinge zu verdrängen, weg zu verschieben und zu vergessen. Was nicht verarbeitet wird, kommt aber wieder“, so Schulte.
Claus-Dieter Brüning vom »Arbeitskreis jüdisches Leben in Rahden« erinnerte an die Geschichte der Familien Goldstein und Vogel:
Martha Goldstein, geb. Ginsberg (*19.06.1875), wurde als achtes Kind von Jacob und Rosa Ginsberg, geb. Löwenstein, in Rahden geboren. Sie heiratete 1895 den Viehhändler Hermann Goldstein (*12.05.185S) aus Rahden. Während ihrer Ehe wurden die Kinder Erwin (*1896), Rosa (*1898), Kurt ('*1899), Walter (*1900), Richard (*1902) und Erna (*1905) geboren. Nach dem Tod ihres Ehemannes 1938 lebte sie mit ihrem Sohn Kurt und ihrer Tochter Rosa weiter in Rahden 99, dem Elternhaus ihres Mannes. 1939 wurde das Haus zwangsverkauft. Martha Goldstein verließ Deutschland und wohnte zunächst bei ihrer nach Schweden emigrierten Tochter Erna Sandelowsky und deren Familie. 1946 zog sie In die USA, wo bereits ihre drei Söhne Erwin, Kurt und Richard mit ihren Familien lebten. Martha Goldstein starb 1949 in Amerika.
Rosa Goldstein (*03.05.1898) war das zweite Kind von Hermann und Martha Goldstein, geb. Ginsberg. Sie wohnte überwiegend in Rahden bei den Eltern und arbeitete als Hausmädchen, u.a. in Stuttgart und in Berlin. Sie war unverheiratet. 1939 emigrierte sie nach London, wahrscheinlich zu Verwandten. Zwei Vettern ihres Vaters lebten dort seit vielen Jahren. Rosa Goldstein zog, wie ihre Mutter Martha, später in die USA und lebte in Vineland, New Jersey, bei ihrem Bruder Erwin. Rosa Goldstein starb in den 1950er Jahren.
Kurt Goldstein (*17.10.1899) wurde als drittes Kind von Hermann und Martha Goldstein, geb. Ginsberg, in Rahden geboren. Mit 14 Jahren trat er in das Viehhandelsgeschäft seines Vaters ein. Er war Soldat im 1. Weltkrieg und wurde zweimal verwundet. Ab 1920 betrieb er mit seinem Bruder Erwin den Viehhandel seines Vaters weiter, ab 1934 gemeinsam mit ihrem Vetter Julius Ginsberg. 1936 wurde ihnen die Gewerbeerlaubnis entzogen. Nachdem Kurt nicht mehr arbeiten durfte und in Rahden 1938 brutal zusammengeschlagen wurde, zog er zunächst nach Herford. Von dort emigrierte Kurt Goldstein 1941 mit der finanziellen Hilfe von Dr. Joseph Turner, dem Ehemann seiner Cousine Henrlette, in die USA. Er heiratete 1949 in Amerika seine Frau Gerda. Kurt Goldstein starb 1985 In New Jersey.
Walter Goldstein (*26.12.1900) war das vierte Kind von Hermann und Martha Goldstein, geb. Ginsberg. Über ihn ist sehr wenig bekannt. Ein genaues Datum, wann er Rahden verlassen hat, gibt es nicht. Wahrscheinlich wurde er am 12.11.1938 mit einem Transport von Osnabrück aus in Buchenwald interniert und am 4.12.1938 entlassen. Auch hier war vermutlich Dr. Joseph Turner behilflich. Walter war Ingenieur und emigrierte nach England. Aus der Ehe mit seiner Frau Dora stammt der Sohn Ronald. Walter Goldstein starb in den 1950er Jahren in England.
Rosa Vogel, geb. Simon (*18.10.1873), wurde als zweites Kind von Hermann und Rebekka Simon, geb. Weinberg, in Sulingen geboren. Sie wuchs in Barenburg bei Sulingen und in Minden auf. 1895 heiratete sie den Viehhändler Rudolf Vogel (*05.07.1868) aus Rahden. Hier wurden ihre Kinder Hugo (1895-1912), Paul (*1897), Frieda (*1900), Grete (*1902), Hans (*1905) und Werner (*1908) geboren. 1931 starb Rudolf Vogel nach längerer Krankheit. Rosa wohnte weiter in Kleinendorf 41 und zog 1938 zu ihrem Sohn Paul nach Twistringen. Paul emigrierte mit seiner Familie nach Chile, und Rosa Vogel floh von Twistringen nach Raalte in Holland zu ihrer Tochter Frieda de Lange. Dorthin waren auch schon ihre Tochter Grete Hurwitz mit Familie und ihr Sohn Hans geflohen.
1942 wurde Rosa Vogel ab Lager Westerbork deportiert und am 29. 0ktober 1942 in Auschwitz ermordet. Auch ihre Töchter Frieda und Grete mit ihren Familien wurden Opfer des Holocaust. Von Rosa und Rudolf Vogels sechs Kindern überlebte nur der nach Chile emigrierte Sohn Paul Vogel mit seiner Frau Jenni und dem Sohn Rudolf.
Hans Vogel (*03.04.1905) wurde als viertes Kind von Rudolf und Rosa Vogel geboren. Er war Viehhändler und während der Ausbildung u. a. in Enger und in Lavelsloh tätig. 1936 emigrierte er nach Raalte in Holland zu seiner Schwester. Hans Vogel wurde 1942 ab Lager Westerbork nach Auschwitz deportiert und am 28.02.1943 für tot erklärt.
Werner Vogel (*14.11.1908) war das jüngste Kind von Rudolf und Rosa Vogel. Mit 15 Jahren zog er nach Seelze und machte eine Lehre im Textilhandel. Anschließend arbeitete Werner Vogel in Hamm, bis er in den 1930er Jahren wieder zurück nach Rahden kam. 1936 emigrierte er nach Amsterdam. Dort heiratete er Frieda Marx (*1912) aus Linz/Rhein. Im gleichen Jahr kam ihre Tochter Margot zur Welt. Werner Vogel wurde am 28.09.1942 ab Lager Westerbork nach Auschwitz deportiert und am 14. Januar 1943 ermordet.
Frieda und Margot Vogel wurden am 23.07.1942 in Auschwitz ermordet.
Das Schicksal der jüdischen Familien soll mahnen, dass gerade in der heutigen Zeit, in der Rassismus und Faschismus leider wieder auf dem Vormarsch sind, so etwas nie wieder geschehen darf. „Wegsehen, Schweigen oder Gleichgültigkeit helfen hier nicht“, erklärte Bürgermeister Bert Honsel. „Ein Blick auf unsere Geschichte zeigt auch, wie wertvoll Freiheit, Demokratie und die Wahrung der Menschenrechte sind.“
Text und Fotos: Sonja Rohlfing
Oktober 2018