„Jedes Leben ist unendlich wertvoll“
Bewegende Momente bei der Stolpersteinverlegung in Rahden
Ein Bahnhof ist ein Ort des Abschieds und ein Ort des Wiedersehens. Viele Menschen und Kulturen treffen aufeinander. Voller Erwartung wartet man auf den Zug um auf Reise zu gehen. Im Zweiten Weltkrieg war es aber genau das Gegenteil: Der Bahnhof war ein Ort der Trostlosigkeit, ein Ort der Angst vor Leiden und Vernichtung. Kinder, Erwachsene und Alte wurden bis 12:00 Uhr nach Bielefeld transportieret und dort im Veranstaltungs- und Versammlungshaus Kyffhäuser für die weitere Deportation in die Vernichtungslager gesammelt. Bahnhöfe und Züge waren damals der Anfang vom Ende für viele Verfolgten. Der Zusatzkurs Geschichte Q2 des Gymnasiums Rahden, unter der Leitung von Michael Streich, präsentierte am vergangenen Samstag nachdenkliche „Ansichten eines Bahnhofs“ und leitete damit die Gedenkveranstaltung im Bahnhof Rahden zur Verlegung der zweiten Gruppe der Stolpersteine ein.
140 interessierte Besucherinnen und Besucher nahmen an der Veranstaltung teil. Monika Büntemeyer vom Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ und der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Rahden, Horst-Wilhelm Bruhn, mahnten in ihren Begrüßungsreden gegen das Vergessen der Verbrechen der deutschen Geschichte. Mit dem Kunstprojekt „Stolpersteine“ soll die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger, die damals Teil des Rahdener Lebens waren, bewahrt werden. Ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Verfolgten im Nationalsozialismus lebendig hält. Musikalisch begleitet wurden die Ansprachen von Dorina Feraru am Violoncello und Schülern des Gymnasiums mit Klarinette und am Piano.
Aus England reiste Peter Abraham Weidenbaum (83) an. Er wurde begleitet von drei seiner vier Söhne David, Daniel, Jeremy und dessen Partnerin Dawn. Peter Abraham Weidenbaum lebte mit seinen Eltern Alfred und Lotte Weidenbaum von 1933 bis 1937 in Rahden. Sie emigrierten nach Palästina. Im Jahr 1955 siedelte Peter Weidenbaum nach England und heiratete dort. Ellen Hines reiste aus Amerika, San Francisco, an. Ihr Vater, Walter Heine (91) lebt in einem Seniorenheim in Los Angeles. Er wurde 1925 in Rahden geboren und heiratete Martha, die Schwester von Alfred Weidenbaum. Die Familien Weidenbaum und Heine lebten gemeinsam in der Bahnhofstraße 8. 1938 wurde das Haus zwangsverkauft und Heines emigrierten über Italien nach Amerika.
Sowohl Peter als auch Ellen zeigten sich zu der Stolpersteinverlegung sehr bewegt. „Ich bin sehr froh für meinen Vater hier sein zu können“, so Ellen Hines. Erst mit 28 Jahren erfuhr Ellen Geschichten von ihrem Vater aus Rahden. Er erzählte ihr von wunderschönen Motorradausflügen mit seinem Vater. Aber auch, dass die Lehrer damals die Mitschüler ermutigten, auf ihn als Juden zu spucken. Trotz dieser Erlebnisse hat er immer ein Bild seines Geburtshauses auf seinem Nachttisch gehabt, so viel hat es ihm bedeutet. Heute ist er mit seinen 91 Jahren noch sehr lebhaft und interessiert, Ellen Hines wünscht allen Teilnehmern der Veranstaltung auch mit hoffentlich 91 Jahren so lebhaft zu sein. Peter Weidenbaum ergänzt, wie überaus beeindruckend er von dem Engagement der Rahdener Bürger ist begeistert von der jungen Generation, die so großes Interesse an der Deutschen Geschichte zeigt. Er war 4 Jahre alt, als seine Familie Deutschland verlassen hat und ist nun nach so vielen Jahren erfreut, wie schön die Bahnhofstraße mit seinen schönen alten Häusern ist. Auch die drei Söhne sind beeindruckt, vor allem auch von der Idee der Stolpersteine gegen das Vergessen. Peter möchte Rahden gerne noch einmal mit seiner Frau besuchen, die aus Krankheitsgründen leider nicht mitkommen konnte.
Während der Stolpersteinverlegung erzählten die Geschichten zu den einzelnen Schicksalen der Familien die Schülerinnen Loreen Rennegarbe und Antonia Kröger aus der 10. Klasse der Realschule Rahden mit ihrem Lehrer Stefan Rodenberg und die Mitglieder der AG „Jüdisches Leben in Rahden“. 15 Stolpersteine wurden verlegt: Vier vor der Bahnhofstraße 26 zur Erinnerung an Johanna Horwitz, die am 28. Juli 1942 im KZ Minsk ermordet wurde und an Erwin, Alice und Horst Goldstein, denen die Flucht in die USA gelang.
Vier Stolpersteine wurden vor dem Haus Nr. 16 zur Erinnerung an David Dagobert und Sophie Haas, die 1942 im KZ Treblinka ermordet wurden, gelegt. Richard und Irma Haas gelang 1941 die Flucht nach Argentinien. Für Peter Weidenbaum war es ein sehr emotionaler Moment die Steine von sich und seinen Eltern vor dem Haus Bahnhofstraße 8 zu sehen. Auch für Ellen Hines waren es sehr bewegende Gefühle, als die Steine für ihre Großeltern Julius und Martha sowie für ihren Vater Walter Heine verlegt wurden.
Aus Brilon reiste der ehemalige Rahdener Pfarrer Werner Milstein an. Er war sichtlich froh über die herausragende Leistung des Arbeitskreises. Das hat er sich zu seiner Zeit in Rahden schon gewünscht. „Nun haben endlich die Namen der jüdischen Mitbürger wieder einen Ort in der Stadt Rahden. Wir haben diese Namen in unsere Zeit geholt – für uns und unsere Kinder.“ Anschließend sprach Giora Zwilling, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Minden, das Kaddisch (Trauergebet). Mit Kaffee, Kuchen und vielen interessanten Gesprächen klang dieser Nachmittag im Bahnhof Rahden aus.
Bürgermeister Bert Honsel, der an diesem Tag verhindert war, traf sich bereits am Freitagabend im „Löwenhaus“ bei Kolbus mit den Familien Weidenbaum und Hines. Monika und Kai Büntemeyer sowie Sigrid und Arnd Lindemann freuten sich außerdem über den Besuch von Bärbel und Anke Bolsmann aus Herne. Den Kontakt zu Anke Bolsmann stellte Sigrid Lindemann während ihrer Recherchearbeiten zu der Familie Weidenbaum her. Die Bibliothekarin recherchierte ebenfalls und stellte fest, dass einer ihrer Vorfahren, Carl Weidenbaum, der Bruder von Louis Weidenbaum war. Sie stellte eine dicke Mappe mit allen Nachforschungen für Peter Weidenbaum und Ellen Hines zusammen. Es wurden an dem Abend tolle Gespräche über Dies und Das geführt, auch über die Terrorzeit der Nazis und auch über aktuelle politische Geschehnisse, wie in Israel, Syrien und die Flüchtlingswelle. „Für mich gab es in diesen vier Stunden sehr viele starke emotionale Momente. Noch nie in meinem Leben bin ich so nah an einem Menschen gewesen, der noch rechtzeitig vorm Holocaust fliehen konnte“, beschreibt Bert Honsel das bewegende Treffen.
Kiepe 1562, 24.11.2016