Jüdisches Leben in Rahden

Um 1690 lebten in der Ortschaft Rahden vier jüdische Familien; in den folgenden Jahrzehnten erhöhte sich ihre Anzahl nur unwesentlich. Erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts war eine deutliche Zunahme jüdischer Familien im gesamten Kreis Rahden zu verzeichnen.

 

Gottesdienste fanden bis Mitte des 19.Jahrhunderts in angemieteten Räumen statt; 1851/1852 wurde in der Langen Straße ein eingeschossiges Synagogengebäude neu errichtet, das etwa 70 Personen Platz bot; dessen Einweihung erfolgte am 10.September 1852. Der alte Betsaal war 1850 einem Stadtbrand zum Opfer gefallen. Der Neubau überstieg die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde; nur durch eine Kollekte und eine freiwillige Spende konnte das Bauvorhaben realisiert werden.

Zur Synagogengemeinde Rahden gehörten alle Juden im gleichnamigen Amtsbezirk. Eine erste Synagogenordnung der jüdischen Gemeinde Rahden von 1835 beinhaltete die folgenden Regeln:

 

1. Wer plaudert bezahlt eine Geldgabe in der Armen Casse von – 5 Sgr

 

2. Wer von einer Stelle zu andren sich begiebt – 2 (Sgr) 6 d

 

3. Wenn sich merere auf einer Stelle versammeln jeder – 2 (Sgr) 6 d

 

4. Wer sich entfernt weil (sic) die Thora vorgelesen wird – 5 (Sgr)

 

5. Die ihre Geböte (sic) so hoch verrichten das man den vohr böhter nicht hören kann wird verhältnismäßig in einer Geldgabe verrechnet.

 

6. Haben die Eltern für Ruhe ihrer Kinder zu sorgen oder die auf ihnen zugerechnete Geldgabe von die Eltern gevordert und bezahlen müssen

 

7. ist von semtlicher Gemeinde solches alle dem vohr steher überlassen und hat hier über zu ordnen.

(aus: Stadtarchiv Rahden, A 415)

 

Etwa 20 Jahre galt in Rahden dann eine neu geschaffene Synagogenordnung, die den gottesdienstlichen Kultus regelte. In der Synagoge untergebracht war auch die jüdische Schule, die von 1908 bis zu ihrer Auflösung 1928 den Status einer öffentlichen Schule besaß.

 

Die jüdische Begräbnisstätte von Rahden wurde vermutlich bereits um 1740 "Auf der Heide" in Alt-Espelkamp angelegt; ein urkundlicher Nachweis findet sich im Kataster von 1827.

 

Juden in Rahden:

  • um 1690 – 4 jüdische Familien
  • um 1765 – 8 jüdische Familien
  • 1820 – 57 Juden (in 12 Familien)
  • 1837 – 93 Juden
  • 1858 – 116 Juden
  • 1871 – 81 Juden
  • 1895 – 59 Juden
  • 1900 – 71 Juden
  • 1925 – 48 Juden
  • 1932 – 60 Juden
  • 1933 (Okt.) – 49 Juden
  • 1942 – Keine.

 

Angaben aus: Elfi Pracht,Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Detmold, S. 419

und Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938, Anhang S. 645

 

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten etwa 60 Juden in Rahden. Den reichsweit ausgerufenen Boykott jüdischer Geschäfte leitete am 31.3.1933 in Rahden folgende Anzeige des Aktionskomitees der NSDAP-Ortsgruppe im „Rahdener Wochenblatt” ein:

 

Deutsche wehrt Euch, Kampf dem Juden !
Kein Stück Tuch vom Juden !
Kein Vieh vom Juden !
Kein Handel mit den Juden überhaupt !

 

Wir werden streng kontrollieren, wer gegen unsere Maßnahmen handelt.

 

Verfolgung

1935 verstärkte sich der Druck auf jüdische Geschäftsleute, besonders der Viehhändler, weiter; die Bauern, die weiterhin Wirtschaftsbeziehungen mit jüdischen Händlern unterhielten, wurden nun fotografiert; die Kontakte wurden daraufhin eingestellt.

 

In den Abendstunden des 10. November 1938 wurde die noch zu Beginn der NS-Zeit renovierte Synagoge in Brand gesetzt. Unter den Augen zahlreicher Einwohner und der Feuerwehr brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern nieder; dieses wurden später niedergelegt. Während des Pogroms wurden auch Wohnungen jüdischer Familien verwüstet und geplündert, ihre Bewohner misshandelt.

 

Ende Juli 1942 wurden Dagobert und Sophie Haas als die beiden letzten Rahdener mosaischen Glaubens deportiert („Verzogen nach Theresienstadt“). Mit dem Ehepaar Haas wurde auch Julius Frank deportiert. Elf von insgesamt 29 in Rahden gebürtigen Juden haben die Deportationen überlebt.

 

Stolpersteine

2015 wurden erstmals in Rahden „Stolpersteine“ verlegt; die an Angehörige der jüdischen Familie Ginsberg erinnern, die in der Marktstraße 20/22 ihren letzten Wohnsitz hatte. Ein Jahr darauf wurden weitere Steine ins Gehwegpflaster Rahdener Straßen eingefügt, so u.a. in der Bahnhofstraße, wo die beiden jüdischen Familien Heine und Weidenbaum gewohnt hatten. 2018 wurden Stolpersteine der Familien Goldstein und Vogel, 2022 wurden weitere 8 Steine für die Familie Frank an der Lemförder Straße und 2024 5 Steine für Mitglieder der Familie Oppenheim/Jelin verlegt.

Jüdischer Friedhof

Als einziges „bauliches Relikt“ hat der jüdische Friedhof in der Altgemeinde Espelkamp die Zeiten überdauert; auf dem seit 1987 unter Denkmalschutz stehenden Gelände findet man noch 80 erhaltene Grabsteine, der ältestete Stein stammt aus dem Jahr 1737.


Gedenkplatz

Seit 1980 erinnert eine unscheinbare Gedenkstele am Rathaus-Parkplatz an die einstige jüdische Kultusgemeinde von Rahden; unter einem Davidstern ist die folgende kurze Inschrift zu lesen:

„Hier stand von 1852 bis 1938 die Rahdener Synagoge“.

Zum 160.Jahrestag 2012 der Synagogeneinweihung wurde ein Gedenkplatz eingeweiht, der die Fläche der einstigen Synagoge nachzeichnet; die Eckpunkte des ehemaligen Gotteshauses sind mit Natursteinen markiert. Inzwischen markiert ein in das Pflaster eingelassenes Stahlband die Umrisse der ehemalige Synagaoge. Seit dem 10. November 2017 heißt dieser Platz „Platz der Synagoge“

Modell der Synagoge

Schülerinnen und Schüler der Freiherr-vom-Stein Realschule erstellten 2014 ein Modell der Rahdener Synagoge im Maßstab 1:20.

Das Modell wurde zunächst an verschiedenen Stellen ausgestellt und steht inzwischen im Rahdener Rathaus


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