Wir erinnern an die Verfolgung und die Pogromnacht
Stadtführung mit Claus-Dieter Brüning um 16:30 Uhr – Treffpunkt Vorplatz Bahnhof Rahden
Claus-Dieter Brüning, Stadtheimatpfleger und Mitglied des Arbeitskreises, lädt zu einem Stadtrundgang »Auf den Spuren der jüdischen Mitbürger« ein.
Diese sehr interessante und auch emotionale Stadtführung beginnt um 16:30 Uhr am Bahnhofsvorplatz – denn hier erinnert Claus-Dieter Brüning an Menschen, die von hier über Bielefeld in Vernichtungslager deportiert wurden.
Die Bürger jüdischen Glaubens lebten in Rahden wie alle anderen auch. Sie gingen ihren Berufen nach, kümmerten sich um ihre Familien und engagierten sich im kulturellen und politischen Leben ihres Heimatorts. Doch spätestens mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde ihnen das verwehrt, sie wurden drangsaliert und verfolgt, erschlagen, erschossen oder vergast. In den Abendstunden des 10. November 1938 wurde die Synagoge in Rahden in Brand gesetzt. Unter den Augen zahlreicher Einwohner und der Feuerwehr brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern nieder. Während des Pogroms wurden auch Wohnungen jüdischer Familien verwüstet und geplündert, ihre Bewohner misshandelt. Und wenn sie ihr Leben retten konnten, dann verloren sie zumindest ihre Heimat. Der Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ erinnert jedes Jahr mit einer Gedenkveranstaltung an die Verfolgung und an die Pogromnacht und setzt damit ein Zeichen gegen das Vergessen.
Weiter geht es in die Bahnhofstraße, in der einige jüdische Familien gewohnt haben. Heute erinnern Stolpersteine vor den Häusern an die Familien Haas, Heine, Weidenbaum und Horwitz – Claus-Dieter Brüning weiß einige Geschichten der Familien zu erzählen.
In der Marktstraße wird z. B. über die Familie Julius Ginsberg berichtet. Nach dem Zwangsverkauf ihres Hauses in der Marktstraße 1941 lebten Julius, Clara und Ruth Ginsberg hier noch bis 1942. Am 31. März 1942 wurde die Familie von Bielefeld aus ins Ghetto Warschau deportiert und später ermordet.
Die Stadtführung führt über die Steinstraße/Ecke Lemförder Straße, wo Familie Frank gewohnt hat bis in die Lange Straße. Hier wohnten in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Synagoge die Familie Goldstein (das Haus wurde 1939 zwangsverkauft. Alle Familienmitglieder konnten rechtzeitig auswandern, so dass sie den Krieg überlebten) und Familie Vogel. Bis auf Sohn Paul Vogel wurden alle anderen Familienmitglieder nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
An den Rundgang schließt sich um 18:00 Uhr eine Gedenkveranstaltung am Platz der Synagoge mit einer Gedenkrede an. Am Sonntag, dem 10. November 2024 hält Pfarrer Stefan Thünemann die Rede.
Eine Anmeldung zu dieser Stadtführung und anschließender Gedenkveranstaltung ist nicht notwendig.
Gedenken am „Platz der Synagoge“ Ansprachen: Bürgermeister Dr. Honsel und der ehemalige Rahdener Pfarrer Stefan Thünemann. Die Namen der jüdischen Bürger verlasen Cornelia Witzke und Lukas Gorka vom Gymnasium Rahden. Lesen Sie hier die Ansprache von Pfarrer Stefan Thünemann.
Pfarrer Stefan Thünemann am 10. Novermber 2024:
1992 habe ich meine Frau Stefanie Hillebrand auf einer Recherchearbeit nach Amsterdam begleitet. Im Rahmen ihrer Magisterarbeit im Fach Geschichte über das Jüdische Leben in ihrem Heimatort Levern, interviewte sie Ernst Hurwitz, einen Enkel des 1829 in Levern geborenen Nathan Hurwitz. Aus diesem Interview ist mir ein Begriff bis heute präsent: Er sprach vom „After-Dinner-Antisemitismus“ – will heißen: Morgens wurde mit den Juden Handel getrieben und abends zog man am Stammtisch über sie her. Die Juden reagierten darauf mit der Lebenseinstellung: Sei draußen ein Mensch und zu Hause ein Jude. Dies führte zu einer vordergründigen „Assimilation“ der Juden in das gesellschaftliche Leben.
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Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Pfarrerin Gisela Kortenbruck die Gedenkrede. Von Schülern des Gymnasiums Rahden wurden danach die Namen der Jüdischen Mitbürger*innen verlesen, die Rahden nach 1933 infolge der Naziherrschaft unfreiwillig verlassen mussten.
Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Levi Israel Ufferfilge, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums Rahden, die Gedenkrede. Vom Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ wurden danach die Namen der Jüdischen Mitbürger*innen verlesen, die Rahden nach 1933 infolge der Naziherrschaft unfreiwillig verlassen mussten. Das Kaddisch schloss um 18.30 Uhr die Gedenkveranstaltung ab.
Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Pfarrer Dr. Roland Mettenbrink die Gedenkrede. Vom Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ wurden danach die Namen der Jüdischen Mitbürger*innen verlesen, die Rahden nach 1933 infolge der Naziherrschaft unfreiwillig verlassen mussten
Die Gedenkveranstaltung konnte coronabedingt nicht im größerem Rahmen stattfinden. Mitglieder des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“ haben im kleinsten Kreis spontan einen Stadtrundgang unternommen und an allen zehn Verlegeorten der Stolpersteine eine Rose und eine Kerze niedergelegt (siehe unten Gedenkrede von Pfr. Dr. Kreft).
Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Pfarrer Udo Schulte die Gedenkrede. Vom Von Schülern der Sekundarschule Rahden wurden danach die Namen der Jüdischen Mitbürger*innen verlesen, die Rahden nach 1933 infolge der Naziherrschaft unfreiwillig verlassen mussten
SPD-Ratsmitglied und stellv. Bürgermeister Horst-Wilhelm Bruhn würdigte Werner Milstein als Initiator des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“. Der ehemalige Rahdener Pfarrer Milstein mahnte: „Wer sich nicht dem Vergangenen stellt, wird es noch einmal erleben“.
Der »Platz der Synagoge« wurde feierlich eingeweiht. Bürgermeister Dr. Bert Honsel würdigte das Wirken des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“, das bis in das Jahr 2011 zurückgeht und die Initiative zu der Gestaltung dieses Platzes ergriff.
Giora Zwilling von der Jüdischen
Gemeinde in Minden hielt die Rede.
Bürgermeister Dr. Bert Honsel fand deutliche, aber auch sehr nachdenklich stimmende mahnende Worte. Denn er äußerte nicht nur sein Entsetzen über die entsetzliche Taten während
der Terrorherrschaft im Dritten Reich, in der Menschen, die sich für Deutschland engagiert hätten, zuerst ihrer Rechte und schließlich auch ihres Lebens beraubt worden seien.
Claus-Dieter Brüning vom Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden“ hatte zu einem Stadtrundgang eingeladen. Monika Büntemeyer vom Arbeitskreis begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkveranstaltung. Zum Abschluss des Rundgangs wurde am Gedenkstein ein stilles Gedenken mit Gastredner Dr. Werner Kreft abgehalten.
Gedenken an die Zerstörung der Synagoge in der ev. Kirche mit Ausschnitten aus "Anatevka". Schüler des Gymnasiums sangen und spielten Szenen und trugen eigene Gedanken zum Thema vor. Rede von Harry Rothe, Vors. der Jüdischen Kultusgemeinde Herford. Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister Dr. Bert Honsel hielt Rothe anschließend die Gedenkrede am Denkmal der Synagoge.
Lesen Sie hier weiter die Rede von Pfarrer Stefan Thünemann zur Gedenkfeier am 10. November 2024 am Platz der Synagoge:
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Ich denke, Ernst oder Nathan Hurwitz wird bewusst gewesen sein, dass dieser „After-Dinner Antisemitismus“ nur ein sehr bedingtes Leben-und-Leben-lassen bedeutete. Das jähe Ende hier in Rahden fand am 31.03.1933 mit dem Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte statt … und fand seinen vorläufigen Höhepunkt heute vor 86 Jahren mit der Zerstörung der Synagoge, in der wie hier stehen.
Damit nicht genug, Wohnungen der jüdischen Familien wurden verwüstet und geplündert und deren Bewohner misshandelt. Das dies noch nicht das Ende war, davon zeugen die mittlerweile 51 Stolpersteine.
Warum erzähle ich Ihnen und Euch das noch einmal?
Die Rahdener Geschichte ist ein Beispiel, wie schnell und brutal, wie unmenschlich und grauenvoll Situationen umschlagen können.
Ich stelle mir vor, dass dies zu allerletzt die Juden, obgleich durch ihre Geschichte gewarnt, nicht verstehen konnten, wie die, mit denen sie zumindest geschäftlich gut, vielleicht sogar sehr gut, verbunden war, am Ende zu Tätern werden konnten und sei es nur durch Wegsehen.
Wie brüchig ein System sogar ein freundschaftliches, ein familiäres oder zumindest nachbarschaftliches, sein kann, sehen wir bis heute, wenn Vorurteile in Hass und Rassismus umschlagen.
Und heute: Wie viele unserer Mitmenschen mit Migrationshintergrund bringen ihren Kindern auch bei: Sei draußen ein Mensch und zu Hause ein Moslem, ein Kurde, ein Russe, ein tief gläubiger Christ, ein schwuler Mann oder eine lesbische Frau … ergänzen Sie selbst, was Sie gern zur Privatsache erklären möchten, damit Sie nicht anecken oder gar angefeindet werden.
Wo liegen die Gründe, dass wir so schnell über andere urteilen und sie nicht selten verurteilen. Selbst ich kann mich nicht davon freisprechen: Wenn ich wollte könnte ich alle Stammtische der Welt befeuern – aus meiner Welt der jugendlichen Straftäter.
Was ich hervorheben möchte ist, wir bewegen uns auf sehr dünnem Eis. Ob das Eis dünner ist als in den 80 er, 90er oder 2000er Jahren will ich nicht beurteilen. Fest steht: Im Umgang mit anderen, im Alltag, an Stammtischen, in launigen Runden, mit lockeren Sprüchen am Arbeitsplatz, bewegen wir uns auf diesem dünnen Eis, das uns alle gerade noch trägt, bevor auch wir genauso wieder in diesen Rassismus versinken, wie die Menschen, die johlend dort drüben den brennenden Flammen der Synagoge zugejubelt haben.
Also, ob wir wollen oder nicht, auch wir sind da oder dort Teil des After-Dinner-Rassismus, wenn wir glauben, das kann uns nicht passieren.
Am Ende ist die Wahrheit ganz einfach und uralt: Wehret den Anfängen. – hat schon Ovid gesagt.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
Stilles Gedenken an jüdische Bürger
10.11.2020
Auch wenn die Gedenkveranstaltung am Platz der Synagoge in diesem Jahr coronabedingt nicht in größerem Rahmen stattfinden konnte, haben Mitglieder des Arbeitskreises „Jüdisches Leben in Rahden“ gestern im kleinsten Kreis spontan einen Stadtrundgang unternommen und an allen zehn Verlegeorten der Stolpersteine eine Rose und eine Kerze niedergelegt. Interessant war, dass mehrere vorbeifahrende Autofahrer anhielten, um sich nach dem Sinn dieser Aktion zu erkundigen. Gerne erteilten die Arbeitskreismitglieder Auskunft. Solche Gespräche bestätigen, dass die Stolpersteine notwendig und sinnvoll sind.
Herr Dr. Werner Kreft stellte dem Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Rahden" vor seine Gedenkrede zur Verfügung, die er sonst am 10. November auf dem Platz der Synagoge gehalten hätte, die wir hier in Auszügen wiedergeben.
Er schrieb:
„Aus gutem Grund wird jährlich am 10. November auf dem Platz der Synagoge der Reichspogromnacht 1938 gedacht, in der die Synagoge niedergebrannt wurde, die jüdischen Mitbürger/innen gedemütigt und schikaniert wurden und deren Häuser demoliert wurden. ( Gedacht wird der Shoa mit den 6 Millionen getöteter Frauen, Männer und Kinder.) Bei dem täglich wahrnehmbaren Antisemitismus sollte dies für die Gegenwart in Erinnerung gerufen werden.
Antisemitismus gab es schon Jahrzehnte vor den Nazis mit Unterstellungen und Benachteiligungen. Aber ebenso gab es ein bürgerliches Miteinander, gelebt in guter Nachbarschaft und Freundschaft im Rahdener Vereinsleben."
Dieser 10. November vor 82 Jahren war der Beginn des Terrors gegen deutsche Bürger jüdischen Glaubens, die hier wohnten, die hier lebten, hier in unserer Stadt. Mitten unter uns! Sie wurden gedemütigt, verfolgt oder ermordet, nur weil sie einen anderen Glauben hatten.
Die bekannteste Verschwörungstheorie war die der sogenannten Weisen von Zion, wonach das Judentum die Weltherrschaft anstrebe. Der zaristische Geheimdienst hatte dieses Pamphlet verfasst, um die Pogrome im Zarenreich zu rechtfertigen. Schon kurze Zeit später wies die englische Presse die tatsächliche Urheberschaft nach. Kein Grund für die Nazipropaganda noch Jahrzehnte später von der angeblichen Weltherrschaft der Juden zu faseln.
Heute erleben wir wieder Hetze, Verleumdungen, Verschwörungstheorien und Gewalt gegen unsere jüdischen Mitbürger. Unsere Verpflichtung aus der Vergangenheit und Ziel unseres Denkens und Handelns muss sein: Jede Synagoge muss so sicher und offen sein wie unsere Kirchen. Eine Kippa und den Davidsstern zu tragen muss so selbstverständlich sein, wie eine Mütze oder ein Kreuz. Wir sind verpflichtet gegen Antisemitismus argumentativ Stellung zu beziehen und unsere staatlichen Organe anzuhalten, Meinungsfreiheit und Hetze nicht zu verwechseln, sondern zu sanktionieren und nicht auf „Bewährung" zu dulden.
Lassen Sie uns als Christen, denen die hebräische Bibel zum Kanon gehört, für unsere geistlich älteren Geschwister und als Deutsche mit oder ohne religiöse Bindung „Schutzengel" sein für die jüdischen Mitbürger in unserem Land."